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Dag Solstad Elfter Roman, achtzehntes Buch
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Zu Beginn dieser Geschichte ist Bjørn Hansen gerade fünfzig geworden und steht am Bahnhof von Kongsberg, wo er auf jemanden wartet. Es ist jetzt vier Jahre her, daß er bei Turid Lammers ausgezogen ist, mit der er vierzehn Jahre lang zusammengelebt hat, von jenem Moment an, als er nach Kongsberg kam, das für ihn zuvor auf der Karte kaum existiert hatte. Heute bewohnt er eine moderne Wohnung im Zentrum Kongsbergs, einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Als er vor achtzehn Jahren nach Kongsberg kam, hatte er nur ein paar persönliche Dinge im Gepäck, wie Kleider und Schuhe, samt Kisten über Kisten mit Büchern. Als er aus der Lammersschen Villa auszog, nahm er ebenfalls nur persönliche Dinge mit, wie Kleider und Schuhe, samt Kisten über Kisten mit Büchern. Das war sein Gepäck. Dostojewskij. Puschkin. Thomas Mann. Céline. Borges.Tom Kristensen. Marquéz. Proust. Singer. Heinrich Heine. Malraux, Kafka, Kundera, Freud, Kierkegaard, Sartre, Camus, Butor.
Wenn er in den vier Jahren, die seit dem Bruch mit Turid Lammers vergangen sind, an sie gedacht hatte, dann mit einer gewissen Erleichterung darüber, daß es vorbei war. Zugleich hatte er mit einer an Trauer grenzenden Verwunderung feststellen müssen, daß er nicht länger imstande war, zu verstehen oder nachzuvollziehen, weshalb er überhaupt jemals in sie verliebt gewesen war. Daß er es gewesen war, steht indes außer Zweifel. Weshalb hätte er sonst aus der Ehe mit Tina Korpi ausbrechen und sie und ihren gemeinsamen zweijährigen Sohn verlassen sollen, um Turid Lammers nach Kongsberg zu folgen, in der leisen Hoffnung, sie wolle ihn haben? Es war Turid Lammers’ Schuld, daß er in Kongsberg gelandet war. Ohne sie oder seine vergessene Verliebtheit in sie wäre er niemals hier gelandet. Niemals. Alles in seinem Leben wäre anders verlaufen. Er wäre nie auf den Gedanken verfallen, sich als Kämmerer in Kongsberg zu bewerben, ja er hätte nicht einmal im Traum daran gedacht, sich überhaupt eine Stelle als Kämmerer zu suchen, er wäre vermutlich im Ministerium geblieben, hätte dort eine vorzeigbare Karriere gemacht, wäre heute wahrscheinlich Ministerialrat oder würde ein höheres Amt beim Norwegischen Fernmeldewesen, der Norwegischen Staatsbahn oder einer ähnlichen Institution bekleiden. Aber niemals Kämmerer. Niemals Kongsberg.
Es beunruhigte ihn, daß er seine frühere Verliebtheit in Turid Lammers bei der ersten Begegnung mit ihr nicht mehr nachvollziehen konnte. Eine nervöse, schmächtige Frau, so hatte er sie in Erinnerung. Als er sie kennenlernte, war sie gerade aus Frankreich zurückgekehrt, wo sie sieben Jahre gelebt und eine gescheiterte Ehe hinter sich gebracht hatte. Nun ließ sie sich in Oslo nieder und nahm sich sogleich einen Liebhaber. Der Liebhaber war er. War es Verliebtheit in die Ausstrahlung gewesen, die Frauen oftmals auf ihre Umgebung hatten, weshalb er ihr ins Netz gegangen war?
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