Dag Solstad
Professor Andersens Nacht

Es war Heiligabend, und Professor Andersen hatte
in seinem Wohnzimmer einen Weihnachtsbaum.
Er sah ihn an. »Na, so was«, dachte er. »Ich muß
schon sagen.« Er wandte sich ab und ging durch
das Zimmer, während er den Weihnachtsliedern
im Fernsehen lauschte. »Ja, ich muß schon sagen
«, wiederholte er. »Ja, was will ich eigentlich
sagen?« fragte er sich sodann nachdenklich. Er betrachtete
den schön gedeckten Tisch im Eßzimmer.
Für eine Person gedeckt. »Seltsam, wie tief
es doch sitzt«, dachte er, »und noch dazu ohne
jegliche Ironie«, dachte er und schüttelte den Kopf.
Er freute sich auf das Essen. Unter dem Weihnachtsbaum
lagen zwei Geschenke, von jedem
seiner beiden erwachsenen Neffen eins. »Wenn ich
hoffe, daß mir die Speckschwarte schön knusprig
gelingt, liegt darin dann ein Hauch von Ironie?
Nein«, dachte er, »gelingt mir die Speckschwarte
nicht, werde ich richtig wütend und fluche laut,
obwohl Heiligabend ist«, dachte er. So wie er laut
geflucht hatte, als er sich damit abmühte, den
Baum in den Baumständer zu zwingen, damit dieser
richtig saß und anschließend gerade und nicht
schief stand, so wie ein Weihnachtsbaum im Haus
zu stehen hat. Wie er ebenfalls geflucht hatte, als
er die elektrischen Kerzen an den Zweigen des
Baums befestigt hatte und feststellte, daß er auch
in diesem Jahr im Kreis gegangen war, weswegen
sich das Kabel in sich verdreht hatte und er kehrtmachen
und wieder zurückgehen mußte, eine
Kerze nach der anderen abnehmen und noch einmal
fast ganz von vorn beginnen. Verflucht, hatte
er da gesagt. Verflucht. Laut und vernehmlich,
doch das war gestern gewesen. »Seltsam, wie tief
Heiligabend in uns sitzt«, dachte er. Die feierliche
Stimmung. Die Heilige Nacht. Die um Mitternacht
eingeläutet wird. Nicht vorher, wie so viele in Norwegen
glauben, heute ist der Abend vor der Heiligen
Nacht. Oder der Stillen Nacht. Er ging in die
Küche. Machte die Ofentür auf. Nahm das Rippchen
heraus. Sog den herrlichen Duft ein und betrachtete
zufrieden die knusprige Speckschwarte.
Richtete alles an und trug es ins Wohnzimmer, bevor
er ins Schlafzimmer ging und sich rasch umzog.
Kam in einem schönen grauen Anzug, einem
weißen Hemd, einer Krawatte und blankgeputz-
ten schwarzen Schuhen wieder heraus. Er setzte
sich an den Tisch, um sein weihnachtliches Festmahl
zu sich zu nehmen.
Professor Andersen genoß sein traditionelles
Weihnachtsmahl. Er aß Rippchen mit süßem Weißkraut,
Gemüse, Kartoffeln, Backpflaumen und Preiselbeerkompott,
wie es in dem Teil Norwegens,
aus dem er kam, üblich war, und er nahm sein
Weihnachtsmahl zur selben Zeit ein wie die meisten
Menschen in seinem Land, irgendwann zwischen
17 und 19 Uhr. Dazu trank er Bier und Aquavit,
wie es bei diesem fetten Gericht, das man
selten außerhalb der Weihnachtszeit aß, üblich
war. Er aß langsam und feierlich und trank nachdenklich.
Als er fertig war, trug er den Teller und
die Schüsseln in die Küche und holte den Nachtisch
herein, Milchreis mit Sahne gekocht, auch
dieser eine Familientradition, wenn auch nicht
besonders wohlschmeckend, wie er fand. Dennoch
verspeiste er auch ihn in aller Feierlichkeit.
Anschließend räumte er den Tisch ab und ging ins
Wohnzimmer, wo er auf dem kleinen Tisch vor
dem Kamin den Kaffee servierte. Er zündete den
Kamin an und setzte sich. Kaffee und Cognac.
»Das Weihnachtsgebäck schenke ich mir«, dachte
er. »Verschont mich bitte mit Weihnachtsgebäck,
ich trinke lieber mehr Kaffee und Cognac«, sagte
er sich und lachte vergnügt. Er betrachtete den
Weihnachtsbaum mit den brennenden Kerzen, der
gleich neben dem Kamin stand. Einfach, aber
stilvoll geschmückt mit Flittergold und norwegischen
Fähnchen, in symmetrischen Reihen um
den Baum geschlungen. »Die meisten schmücken
ihren Baum allzu üppig«, sagte Professor Andersen
zu sich selbst. »Aber das tut man wohl vor allem,
wenn man kleine Kinder in der Familie hat«,
setzte er versöhnlich hinzu. Er machte die Päckchen
seiner Neffen auf. Der eine schenkte ihm einen
Roman von Ingvar Ambjørnsen, der andere
einen von Karsten Alnæs. »Ja, ja, so ist es auch
in diesem Jahr wieder Weihnachten geworden«,
dachte er und seufzte leise.
Professor Andersen war an diesem Abend
von einem Gefühl des Friedens erfüllt, er empfand
einen Seelenfrieden, der nicht religiöser, sondern
sozialer Natur war. Er gab sich gern diesen gesellschaftlichen
Ritualen der Weihnachtszeit hin, die
ihm im Grunde nichts bedeuteten. Er hätte es
nicht tun müssen, schließlich feierte er Weihnachten
allein und fühlte sich diesen Gebräuchen nicht
tief und innig verbunden, er hätte beispielsweise
gut und gerne auf den Weihnachtsbaum verzichten
können, niemand, der ihn eventuell in der
Weihnachtszeit besuchen könnte, würde Anstoß
daran nehmen, daß er keinen Weihnachtsbaum
hatte, im Gegenteil, diejenigen, mit deren Besuch
er rechnen konnte, würden eher ihre Verwunderung
darüber zum Ausdruck bringen, daß er einen
Weihnachtsbaum hatte, und einen derart großen
noch dazu, größer als er selbst, und er konnte im
Grunde schon jetzt darüber klagen, welche spöttischen
Bemerkungen er in diesem Zusammenhang
über sich ergehen lassen müßte, dachte er
und mußte lachen. Nein, Professor Andersen hatte
einen Weihnachtsbaum, einen Weihnachtsbaum,
der etwas größer war als er selbst, das
mußte schon sein, fand er. Er feierte Weihnachten.
Hauptsächlich, weil er sich beim Gedanken
daran, er könnte das Gegenteil tun, unwohl fühlte.
Sich einen feuchten Kehricht um Heiligabend
scheren, Weihnachtsvorbereitungen Weihnachtsvorbereitungen
sein lassen und Weihnachtsfeierlichkeiten
Weihnachtsfeierlichkeiten und sich verhalten
wie an einem x-beliebigen anderen Tag,
wodurch er einen weiteren und dringend benötigten
Arbeitstag erhalten würde. In gewöhnlicher
Jeans dasitzen und an einer Vorlesung arbeiten
oder seine Korrespondenz erledigen, mit der er
sehr in Verzug war, vor allem mit dem bürokratischen
Teil. In der Küche Frikadellen und Kohlgemüse
essen oder eins der Nudelgerichte, die ihm
so gut gelangen. Seine eigenen Sachen machen
und die anderen Weihnachten für sich feiern lassen,
in ihren tausend Heimen, in denen die Lichter
brannten. Der Gedanke daran, daß er dies tun
könnte, noch dazu ohne daß es größere Reaktionen
auslösen würde, empörte ihn. In gewisser
Weise würde er sich abgestumpft fühlen, wenn er
dies täte. »Ja, ich würde mich tatsächlich abgestumpft
fühlen«, dachte er halsstarrig, wenn auch
ein wenig verwundert darüber, daß dem so
war. Er konnte Weihnachten nicht ignorieren, er
mußte Sitten und Gebräuchen folgen. Es war richtig
von ihm, dies zu tun, etwas anderes wäre vollkommen
inakzeptabel für ihn, auch wenn die Sitten,
denen er folgte, und die Feier, an der er auf
diese Weise teilnahm, auf seine Art und ohne jegliche
familiäre oder anders geartete äußere Verpflichtung
dazu, außer der Verpflichtung, die er
sich selbst gegenüber empfand, die also von innen
kam, auf etwas verwiesen, das für ihn inhaltsleer
war. Ganz allein, ja, ohne daß überhaupt
jemand davon wußte oder sich darum scherte,
nahm er teil an der Feier des großen christlichen
Festes im Gedenken an die Geburt des Erlösers,
er spürte einen inneren Frieden dabei, und ausnahmsweise
einmal fühlte er sich mit dem Dasein
versöhnt, wozu er seiner hohen gesellschaftlichen
Stellung als Literaturprofessor an der ältesten
Universität des Landes zum Trotz selten Anlaß
hatte.
Er saß am Kamin und sah ins Feuer. Er warf
das bunte Weihnachtspapier der beiden Päckchen
in den Kamin und sah, wie das Feuer aufloderte.
Die beiden Geschenkanhänger warf er nicht in
die Flammen, die bewahrte er auf, hauptsächlich
deshalb, weil er es nicht über sich brachte, persönliche
Grüße wegzuwerfen, was handgeschriebene
Namen auf Geschenkanhängern zugegebenermaßen
waren, dachte er. Er trank Kaffee und
Cognac. Starrte in den Kamin und in seine eigenen
Gedanken. Die Zeit verstrich. Hin und wieder
ging er zum Fenster und sah hinaus. Auf die leere
Straße mit den an der Bordsteinkante abgestellten
Autos, in einer Reihe hintereinander, und auf
die Lichter aus den Wohnungen gegenüber. Einige
der Wohnungen lagen im Dunkeln, wenn man
vom schwachen Licht eines Weihnachtsbaums
absah, der weiter hinten im Zimmer stand, was
bedeutete, daß diejenigen, die dort wohnten, fort
waren, bei ihrer Familie, um Heiligabend dort zu
verbringen. Andere Wohnungen wiederum waren
hell erleuchtet. Dort waren die Leute zu Hause
und feierten Weihnachten. Ihm fielen vor allem
vier Wohnungen auf, in denen viele Menschen
versammelt zu sein schienen. Einen Augenblick
lang ärgerte es ihn, daß er nicht schon beim
Essen auf die Idee gekommen war, zum Fenster
zu gehen und auf die andere Straßenseite zu
schauen, denn dann hätte er vielleicht die vier Fa12
milien gesehen, wie sie zur selben Zeit bei Tisch
saßen, alle in seinem Blickfeld, jede im Licht ihrer
jeweiligen Wohnung, einander gegenüber und nebeneinander,
deutlich getrennt und ohne im
Grunde voneinander zu wissen, obwohl sie ja
zum selben Anlaß versammelt waren und innerhalb
desselben zeremoniellen Rahmens. Ach, wie
ihn allein schon dieser Anblick gefreut hätte, der
so vertraulich auf ihn gewirkt hätte, von naiver,
bekennender, zivilisierter Schönheit, doch jetzt
war es zu spät. Dennoch waren die Szenen, die
sich ihm nun in den vier erleuchteten Wohnungen
boten, geeignet, ihm ein eigenartiges Gefühl von
Zugehörigkeit zu vermitteln. Er konnte in allen
Wohnungen Gestalten erkennen. Gestalten, die in
schläfriger Ruhe hinter den siebenarmigen Leuchtern
saßen, die im Fenster standen und leuchteten,
oder unter funkelnden Lüstern oder neben
dem sanften Licht der Weihnachtsbäume weiter
an der Wand. Er ahnte die brennende Hitze der
Gesichter und Körper in den überheizten Räumen
sowie eine erschöpfte Ruhe, die sich als schläfrige
Vertrautheit auf Professor Andersen übertrug.
Er fühlte sich mit ihnen verbunden. Am heutigen
Abend, während die Uhr auf zwölf zuging
und die Heilige Nacht eingeläutet wurde, in der er
zugegen sein wollte, zumindest für wenige Stunden,
auch wenn die anderen daran vielleicht kei13
nerlei Gedanken verschwendeten und er selbst
alledem persönlich ziemlich fernstand, so gab es
nun dennoch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit
zwischen Professor Andersen und jenen, die
er durch das Fenster betrachtete und die in
schläfriger Ruhe in ihren Wohnungen saßen, weil
sie alle an dieser kulturellen Zeremonie mit ihren
tiefen Wurzeln teilnahmen, gleichzeitig, weil jetzt
die Zeit gekommen war.
Es dürfte etwa elf Uhr abends gewesen sein,
eine Stunde, bevor die sogenannte Heilige Nacht
oder Stille Nacht eingeläutet wurde, die jedes Jahr
zum gleichen Datum in unserem Land wie in anderen
skandinavischen Ländern gefeiert wird,
zwar mit dem Gewicht auf dem ihr vorausgehenden
Abend, dem sogenannten Heiligabend, jedoch
mit demselben Ziel, der heiligen Nacht zu
gedenken, in der Jesus von Nazareth, der Erlöser,
in einem Stall in der Stadt Bethlehem in Judäa geboren
wurde, in jenem Jahr, das die Bezeichnung
Null erhalten hat, als Professor Andersen dastand
und in die erleuchteten Wohnungen auf der anderen
Straßenseite sah, erfüllt von der eigentümlichen
Vertrautheit, daß sie allesamt an diesem
Abend tausend Jahre alten Bildern ausgesetzt waren,
ob sie sie nun beachteten oder nicht. Vor seinem
inneren Auge entspann sich der Wüstenhimmel
über Judäa im Dezember jenes Jahres, das
unsere Zeitrechnung einleitet. Der Sternenhimmel,
Tausende von Sternen, die an dem tiefblauen
Himmel unentwegt blinken. Die Hirten auf dem
Feld bei Bethlehem. Ein Engel, der vor ihnen steht
und ihnen eine große Freude verkündet. Professor
Andersen sah den Engel vor seinem inneren
Auge, bei den Hirten und den Schafen, erleuchtet,
und empfand ein gewisses Wohlgefallen an der
Vorstellung des erleuchteten Engels in der dunklen
Nacht. Vor seinem inneren Ohr hörte er Engel,
die Gott lobpreisten, und auch das bildete er sich
mit einem eigenartig sakralen Gefühl ein. Eine
Krippe in einem Stall. Maria und Josef, in lange
Gewänder gekleidet, beugen sich darüber, und
die Hirten beugen die Knie, und die Schafe sehen
zu. Der große gelbe Stern von Bethlehem am Wüstenhimmel.
Die drei Weisen, die dem großen
Stern folgen, auf Kamelen unterwegs durch die
Wüste. Die vor einem Stall in Bethlehem innehalten.
Könige aus dem Morgenland, die sich vor der
Krippe verneigen. Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Ach, diese Bilder, von denen er sich mit einer
kindlichen Lust einfangen lassen konnte, wie Bilder
ohne tieferen religiösen Inhalt. Gottlose Hingabe
an die Überlieferungen einer Zeit, in der
kaum etwas die Chance hatte zu überleben, sondern
sich im Nebel der Geschichte verlor, wenige
Sekunden, nachdem es das Licht der Welt erblickt
und wieder eingebüßt hatte, dachte Professor Andersen
mit einem leisen Seufzer. »Hier stehe ich,
halb betrunken und sentimental, und bin vom
Weihnachtsevangelium ergriffen«, dachte Professor
Andersen. »Ein 55jähriger Professor, der sein
Herz der inneren Einfalt geöffnet hat und folglich
imstande ist, uralte Erzählungen religiösen Ursprungs
in sich aufzunehmen, wodurch er von
einem Seelenfrieden erfüllt wird, kann denn das
sein?« wunderte er sich. »Ja, so scheint es zu
sein«, setzte er hinzu. »Und so ist es auch gut«,
setzte er abermals in Gedanken nach. »Ich bin ein
Ungläubiger, gehöre aber einem christlichen Kulturkreis
an und kann mich gänzlich ohne Ironie
vom weihnachtlichen Frieden erfüllen lassen.
Bald beginnt die Heilige Nacht. Ich habe aber zum
Glück meine Grenzen«, dachte er dann. »Ich kann
das Wort ›Jesuskind‹ nicht in den Mund nehmen,
es wird automatisch zu ›Jesus-Rind‹, und ich fange
an zu lachen«, dachte er und spürte, wie das Lachen
in ihm hochstieg. »Ebensowenig kann ich
›Jesus‹ sagen«, setzte er eilig nach, um wieder
ernst zu werden, »dann muß ich sofort ›aus Nazareth‹
hinterherschicken, ›Jesus aus Nazareth‹ kann
ich sagen, aber nicht Jesus allein. ›Der Erlöser‹
kann ich sagen, desgleichen ›Christus‹. Wenn
mich jemand fragte, ob ich an Jesus glaube, würde
sich alles in mir zusammenziehen, wenn mich je16
mand aber fragte, ob ich an Christus glaube, hätte
ich kein Problem damit, höflich und wahrheitsgetreu
mit Nein zu antworten«, dachte Professor Andersen
und sah hinüber zu den erleuchteten Fenstern
auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Sah, wie die Menschen in ihren Wohnzimmern
bei brennenden Weihnachtsbäumen saßen und
dieses zweitausend Jahre alte Ereignis feierten.
»Ergriffen von einem Ritual, das vielen nichts bedeutet,
das zu befolgen sie jedoch keineswegs
unterlassen können, in ihren besten Kleidern zudem,
genau wie ich«, dachte er. »Mit kindlicher
Einfalt indes. Ja, mit kindlicher Einfalt«, wiederholte
er, »hier im hohen Norden, im kalten dunklen
Winter, in einer modernen Hauptstadt in
einem hochtechnologisierten Land gegen Ende
des 20. Jahrhunderts«, dachte er. »Ja, die Bilder der
Heiligen Nacht sollte ein erwachsener Mann mit
intaktem kindlichen Gemüt erleben«, dachte er,
»oder zumindest diesen Seiten oder Möglichkeiten
an sich wohlgesonnen sein, als wollte man ihr
Erscheinen ermuntern und nicht zurückweisen,
wie man es sonst gerne tat, und oft auch zu
Recht«, fügte er höchst vernünftig hinzu, wie er
hier in seiner Wohnung am Fenster stand und
darauf wartete, daß die Heilige Nacht begann, von
der er eine Stunde oder vielleicht zwei mit Nachdenken
verbringen wollte, bevor er sich schlafen
legte, das hatte er sich vorgenommen, wie er in
seinen besten Kleidern dort am Fenster stand und
zu den erleuchteten Fenstern auf der anderen
Straßenseite hinübersah.
Doch mit einem Mal tauchte an einem der Fenster
eine Frau auf. Es gehörte nicht zu einer der
vier Wohnungen, die er heute abend besonders in
Augenschein nahm, sondern zu einer der kleineren
Wohnungen im selben Wohnblock, die die
ganze Zeit über erleuchtet gewesen war, wie er
festgestellt hatte, ohne daß sie seine Neugier jedoch
in besonderem Maße geweckt hätte, vielleicht,
weil die Bewohner sich so weit hinten in
der Wohnung befanden, daß man sich unmöglich
einen Eindruck von ihnen verschaffen konnte.
Doch jetzt stand da eine Frau. Sie sah nach draußen.
Sie war hübsch, so kam es Professor Andersen
jedenfalls vor, wie sie mit ihren langen hellen
Haaren am Fenster stand und mit ernstem
Gesichtsausdruck hinaussah. Sie war in Wahrheit
vielleicht gar nicht hübsch, aber so, wie sie sich
am Fenster zeigte, wirkte sie hübsch, eine schlanke,
mädchenhafte Erscheinung mit langen hellen
Haaren. »Jung«, dachte Professor Andersen, vielleicht
eine Büroangestellte oder eine Studentin,
entweder Vollzeit oder nur nebenbei. Er konnte
sie allerdings nicht sehr lange betrachten, denn
plötzlich drehte sie sich um, weil hinter ihr im
Zimmer eine weitere Gestalt auftauchte. Es war
ein Mann, auch er wirkte jung, ohne daß Professor
Andersen in der Eile sagen konnte, weshalb
ihm diese neue Gestalt wie ein junger Mann vorkam.
»Aber in solchen Dingen ist man sich ziemlich
sicher, so etwas sieht man sofort, es mag beispielsweise
an der Geschmeidigkeit liegen, mit
der er ins Bild gekommen ist«, dachte er, bevor er
entsetzt zusammenfuhr, als er sah, daß der Mann,
den er mit unmittelbarer Sicherheit als jung eingestuft
hatte, die Hände um den Hals der jungen
Frau legte und zudrückte. Sie fuchtelte mit den
Armen, konnte Professor Andersen sehen, ihr
Körper zappelte, stellte er fest, bevor sie in den
Händen des Mannes mit einem Mal ganz ruhig
wurde und zusammensank. Der junge Mann richtete
sich auf, und Professor Andersen beeilte sich,
hinter seinem Vorhang in Deckung zu gehen,
denn er sah, wie der junge Mann auf das Fenster
zuging. Als Professor Andersen vorsichtig hinter
seinem Vorhang hervorlugte, sah er, daß der Vorhang
in der anderen Wohnung zugezogen worden
war.