Dag Solstad
Scham und Würde

Im Grunde war er ein dem Alkohol verfallener Studienrat in den Fünfzigern mit einer Frau, die ziemlich zugenommen hatte und mit der er jeden Morgen frühstückte. So auch am heutigen Herbsttag, einem Montag im Oktober, von dem er, als er mitleicht schmerzendem Kopf am Frühstückstisch saß, noch nicht ahnte, daß es der entscheidende Tag in seinem Leben werden sollte. Wie jeden Tag war er sehr darauf bedacht, ein blitzsauberes Hemd zu tragen, um das Unbehagen zu lindern, von dem er sich nicht ganz freisprechen konnte, darüber daß er in dieser Zeit und unter diesen Bedingungen leben mußte. Er frühstückte schweigend zu Ende und sah aus dem Fenster, direkt auf die Jacob Aalls Gate, so wie er es in all den Jahren unzählige Male getan hatte. Er befand sich in Oslo, der Hauptstadt Norwegens, wo er wohnte und seiner Arbeit nachging. Es war ein grauer, drückender Tag, der Himmel war bleiern, und einzelne schwarze Wolkentrieben wie Schleier darüber. Es würde mich nicht wundern, dachte er, wenn es Regen geben sollte, und er griff nach seinem Taschenschirm. Zusammen mit Kopfschmerztabletten und ein paar Büchern steckte er ihn in die Tasche. Er verabschiedete sich von seiner Frau, auffallend herzlich und in einem Ton, der echt wirkte, jedoch in starkem Kontrast zu seinem gereizten und ihrem eher vergrämten Gesichtsausdruck stand. Aber so war es jeden Morgen, unter großer Mühe zwang er sich zu diesem herzlichen »Mach’s gut«, einer Geste der Höflichkeit an jene Frau, mit der er seit Jahren zusammenlebte und der er sich folglich in einem tiefen Zusammengehörigkeitsgefühl verbunden fühlte, und auch wenn er heute im großen und ganzen nur noch Reste dieses Zusammengehörigkeitsgefühls empfand, legte er jeden Morgen großen Wert darauf, durch dieses fröhliche und schlichte »Mach’s gut« zum Ausdruck zu bringen, daß er in seinem tiefsten Innern der Ansicht war, zwischen ihnen habe sich nichts verändert, und auch wenn sie beide wußten, daß das mitnichten der Realität entsprach, mußte er sich aus Gründen des Anstands bemühen, sich in Höhen aufzuschwingen, in denen diese Geste möglich war, nicht zuletzt auch deshalb, weil sein Abschiedsgruß sodann mit einem ebenso schlichten und echten Tonfall erwidert wurde, der seine Unruhe dämpfte, worauf er nichtgern verzichten wollte. Er begab sich zu Fuß zur Schule, zum Fagerborg Gymnasium, das nur sieben bis acht Minuten von seiner Wohnung entfernt lag. Sein Kopf war schwer, er war etwas gereizt, nachdem er am Vorabend Bier und Aquavit getrunken hatte, etwas zuviel Aquavit, aber die richtige Menge Bier, dachte er. Etwas zuviel Aquavit, der sich jetzt wie eine schwere Kette auf seine Stirn gelegt hatte. Als er in der Schule ankam, ging er direkt ins Lehrerzimmer, stellte seine Tasche ab, holte die Bücher heraus, nahm eine Kopfschmerztablette, grüßte kurz, aber selbstverständlich, die Kollegen, die bereits eine Unterrichtsstunde hinter sich hatten, und ging in seine Klasse.