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Dag Solstad
Armand V. – Fußnoten zu einem unausgegrabenen Roman
Hörprobe gelesen von Dag Solstad und Oliver Götschel
MP3-Datei, Spieldauer: ca. 7 Minuten, Größe: 6.4 MB
Mitgeschnitten bei der Veranstaltung 5 Jahre Dörlemann Verlag im Theater Neumarkt in Zürich im Oktober 2008
1
Diese Fußnote, die allererste, leidet an ihrer
zeitlich versetzten Perspektive. Sie verweist auf
einen bestimmten Zeitpunkt in Armands Jugend,
obgleich sie nicht von Armands Jugend handelt,
sondern von der Jugend seines Sohns, wie Armand,
ein Mann in den Sechzigern, sie sieht. Die Fußnote
kommentiert also etwas, das sich in einer völlig
anderen Zeit zugetragen hat, an einem völlig anderen
Ort und mit völlig anderen Personen als denen
im Haupttext, auf die sie sich bezieht, wie beispielsweise
Armand oder jene, die zu dem Zeitpunkt
überhaupt noch nicht im Text vorkommen,
wie Armands Sohn, der damals noch nicht einmal
geboren war, ja, wir haben es hier mit einem Zeitpunkt
zu tun, von dem aus noch zwanzig Jahre vergehen
werden, bis Armand jene Frau kennenlernt,
die später die Mutter seines Sohns wird, und doch
spielt der Sohn in dieser Fußnote eine zentrale
Rolle, in einer Szene, die die Jugend seines Vaters
beleuchtet.
1B
Eines Morgens, vor nicht allzu langer Zeit,
nahm sich Armand, kurz nachdem er aufgewacht
war, vor, seinen Sohn, den er seit über einem halben
Jahr nicht mehr gesehen hatte, zu besuchen.
Kaum hatte er diesen Beschluss gefasst, war er
mit einemmal hellwach, obwohl er sich kurz zuvor
noch in einem Schlummerzustand befunden hatte,
dem dieser klare Gedanke entsprungen war. Vor
einem halben Jahr – damals war in Oslo Winter ge-
wesen – hatte der Sohn für einige Zeit bei ihm gewohnt,
weil Armand eine längere Auslandsreise
unternehmen wollte und es ihm gut gepasst hatte,
dass der Sohn, der in einem kleinen möblierten
Zimmer wohnte, eine halbe Stunde Fußweg von Armands
Wohnung entfernt, bei ihm einzog und die
geräumige Wohnung hütete, während er, der Vater,
verreist war. Der Sohn zog drei oder vier Tage vor
Armands Abreise bei ihm ein und lag schlafend im
Gästezimmer der Wohnung, als Armand diese an
einem dunklen Wintermorgen verließ und zu seiner
längeren Auslandsreise aufbrach, indem er ein Taxi
zum Oslo International Airport nahm, der in Gardermoen,
weiter im Landesinnern lag, nicht weit
vom Binnensee Mjøsa entfernt. Von dort nahm er
einen frühen Flieger zu einer mitteleuropäischen
Stadt, wo er sich alsbald jenem Auftrag widmete,
der das Ziel dieser Auslandsreise war. Wochenlang
reiste er quer durch Europa, per Zug oder Flieger,
bis er schließlich in eine der definitiv größten europäischen
Metropolen kam, den letzten Aufenthalt
seiner langen Auslandsreise, wo er für fünf Tage ein
Hotelzimmer gebucht hatte. Allerdings verließ er
die Metropole am nächsten Vormittag bereits wieder,
weil ein Termin, den er für diesen Tag vereinbart
hatte, abgesagt worden war, und da er im Übrigen
anfing, an einem für ihn überraschenden,
jedoch akuten Gefühl von Überdruss zu leiden darüber,
dass er sich auf dieser Auslandsreise befand,
nicht zuletzt in dieser Metropole, in der er sich frü-
her so gern aufgehalten hatte und der er erwartungsvoll
entgegengeblickt hatte, die er mit eigenen
Augen sehen wollte, durch deren so verlockende
Straßen er unbedingt laufen wollte, beschloss er,
sobald die Terminabsage Fakt war und er den Telefonhörer
aufgelegt hatte, seine Koffer zu packen,
den Fahrstuhl hinunter zur Rezeption zu nehmen
und die Rechnung seines Hotelaufenthalts zu begleichen,
um sodann in ein Taxi zum Flughafen zu
steigen, wo er am SAS-Schalter sein Flugticket auf
den nächsten freien Platz in einem Flieger nach
Oslo umbuchen ließ, denn der Auftrag, der ihn zu
dieser Auslandsreise bewogen hatte, war dergestalt,
dass er mit Tickets ausgestattet war, die derlei
Umbuchungen und Verschiebungen durchaus möglich
machten. Er kehrte noch am selben Tag nach
Hause zurück, am späten Nachmittag landete der
Flieger in Gardermoen.